LehrerInnen denken

Aktiv werden für andere

50 Jahre Solidarität mit Bacabal an der Hildegardisschule

Von Raphael Leuer

Capoeira

In diesem Schuljahr feiert die Hildegardisschule ein bemerkenswertes Jubiläum – seit einem halben Jahrhundert unterstützt und begleitet sie soziale und Bildungsprojekte im Nordosten Brasiliens. Die Partnerschaft ist so alt, dass es schon lange keine MitarbeiterInnen an der Schule mehr gibt, die sich noch an eine Zeit vor Bacabal erinnern könnten. Man kann mit Recht sagen, dass Bacabal ein Stück Identität der Hildegardisschule darstellt.

Die Geschichte der Partnerschaft

Ihren Anfang nahm die Partnerschaft im Jahr 1968, als es zu einer Begegnung zwischen Schwester Hedwiga Stoffels, Kunsterzieherin an der Fachschule für Sozialpädagogik, und dem Franziskanerpater Josef Schlüter kommt, der als Missionar in Bacabal wirkt. Beeindruckt vom Engagement und den Projekten Pater Josefs, bastelt sie mit Mitschwestern Puppen und anderes Spielzeug für die Kinder in Bacabal. Im Laufe der Jahre weiß sie auch KollegInnen und SchülerInnen von der Bacabal-Idee zu begeistern. Zur Adventszeit basteln nun alle Klassen Kalender, Spielzeug und Weihnachtsschmuck und stellen sie am Aktionstag, einem Vorläufer des heutigen Solidaritätstages, zum Verkauf. Im Jahre 1978, nach der Integration der FSP in die Hildegardisschule, findet der erste Aktionstag der gesamten Schule statt.

Die jährlichen Aktionstage sind auch finanziell ein großer Erfolg. Jahr für Jahr kann ein Erlös von über 20.000 DM nach Brasilien überwiesen werden. Nachdem in den ersten Jahren verschiedene von Pater Josef begleitete Projekte unterstützt wurden, geht die Hilfe jetzt an die von Franziskanern geleitete Frei-Alberto-Schule, die mittellosen Kindern aus den Favelas der Küstenmetropole Sao Luis die Chance auf eine Schulbildung gibt. Der Traditionsname Bacabal bleibt trotz des Umzugs nach Sao Luis erhalten.

Die Partnerschaft wird in den neunziger Jahren durch Besuche des Schulleiters der Frei-Alberto-Schule Ewald Dimon in Münster und des langjährigen Leiters der Bacabal-Gruppe Dr. Johann Heck in Sao Luis intensiviert. In dieser Zeit entwickelt sich auch die bis heue gültige Grundstruktur des Bacabal-Projekts an der Schule. Informationstage im Oktober geben den Schülerinnen und Schülern Auskunft über die Lebenssituation der Kinder und Familien in Sao Luis und vermitteln die befreiungstheologisch motivierte Schulidee der Frei-Alberto-Schule. Am Aktionstag bereiten die Klassen mit ihren KlassenlehrerInnen ihre Projekte für den traditionell am 3.Samstag im November stattfindenden Solidaritätstag vor.

Im Jahre 1999 erhält das Bacabal-Projekt durch die Teilnahme an der Weihnachtsspendenaktion der Westfälischen Nachrichten auch in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Über 120.000 DM für die Frei-Alberto-Schule kommen in diesem Jahr zusammen.

Besuche und direkte Kontakte beleben das Projekt in jüngerer Zeit. Zum 40jährigen Jubiläum ist Frei Zacarias, der Schulleiter der Frei-Alberto-Schule, Ehrengast beim Solidaritätstag, und seit 2009 absolvieren jährlich ein bis zwei Schülerinnen der AHR 12 ihr Fachpraktikum an der Frei-Alberto-Schule.

Bilanz

50 Jahre Bacabal, das bedeutet zum einen jede Menge Hilfe und Unterstützung für unsere Partner in Brasilien. Die Spenden dürften die Millionengrenze inzwischen überschritten haben. Dieses Geld wird nach wie vor dringend benötigt, um gerade den Ärmsten der Armen in Sao Luis ihr Recht auf Bildung und Teilhabe zu geben. Bruder Zacarias berichtet, dass die Frei-Alberto-Schule aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage und der grassierenden Korruption nach wie vor auf Spenden deutscher Unterstützerkreise angewiesen ist: „Ohne diese tatkräftige Hilfe hätten viele Familien ihren Kindern eine Schulbildung und die Chance auf eine bessere Zukunft nicht ermöglichen können“. Über diese finanzielle Hilfe hinaus gebe die Partnerschaft den SchülerInnen und deren Familien aber auch das wichtige Gefühl nicht allein gelassen werden in ihrer Not.

Norbert Nientiedt, der das Projekt fast von Anfang als Schulseelsorger begleitete, pflegte zu sagen: „Natürlich machen wir das Bacabal-Projekt um den Kindern in Sao Luis zu helfen, aber eigentlich tun wir es auch für uns“, da es den SchülerInnen die Möglichkeit gebe, aktiv zu werden für andere. Diesen Gedanken formulierte die ehemalige Praktikantin Lea Wortmann sehr eindringlich in ihrem Brasilien-Blog während ihres Praktikums im Jahr 2014

Die Arbeit in der Frei-Alberto-Schule ist eine großartige Aufgabe, die mich sehr erfüllt und wohl der einzige Grund ist, warum ich das hier allgegenwärtige Leid ertragen kann. Ich kann dieses Land nicht verändern, ich kann nicht einmal großartig helfen, aber ich kann meine Energie in ein sinnvolles Projekt investieren. Ich kann etwas tun und muss nicht nur zusehen.

Schwester Fides, von 1987 bis 2001 Lehrerin und Direktorin an der Hildegardisschule, hebt in einem Gespräch die große pädagogische Bedeutung des Bacabal-Projekts für die Schule hervor: „Irgendwo lernen die Schüler, dass sie sich nicht nur in ihrem kleinen Umkreis sehen, sondern auch die Not anderer Menschen wahrnehmen“. Für die SchülerInnen sei die Zusammenarbeit mit den LehrerInnen vor und während des Solidaritätstages sehr motivierend. „Die Lehrer setzen sich genauso ein wie die Schüler. Sie arbeiten auf der gleichen Ebene, Hand in Hand.“ Den Erfolg ihres Tuns erlebten die SchülerInnen als „große Wertschätzung, anders als z.B bei Klausuren, wo sie nur eine Note bekommen.“ Schwester Fides resümiert: „Ich habe nie eine Schülerin erlebt, die gesagt hat, das Bacabal-Projekt ist Quatsch“.

 

 

 

 

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok