LehrerInnen denken

Stillleben von Marie und Jan

"Vor der Abiturklausur" - Analyse und Vergleich von zwei Stillleben

Von Monika Bernd

StilllebenMir liegen zwei per Fotografie dokumentierte Installationen aus dem Mai 2017 vor, die jeweils die Platte eines Schultisches mit den benötigten Utensilien zweier unterschiedlicher Abiturprüflinge der Hildegardisschule vor dem Schreiben einer Abiturklausur zeigen. Dinge, die auf einer Tischplatte arrangiert werden, gelten gemeinhin als Stillleben. Und als solche sollen sie im Folgenden auch betrachtet, analysiert und verglichen werden – wenn auch nicht immer im ganz engen kunsttheoretischen Sinne. Die „Gestalter“ der beiden postmodernen Arrangements sind Marie und Jan (die Namen sind aus datenschutztechnischen Gründen selbstverständlich geändert).

 

Eine Besonderheit: Zum Audioguide zu den beiden Kunstwerken

 

Stillleben "Vor der Abiturklausur" von Marie:

Die Fotografie zeigt die auf dem Tisch arrangierten Objekte von oben in der Aufsicht, wobei zwei Objekte dabei willkürlich angeschnitten wurden. Etwa zwei Sechstel der Tischfläche sind mit Objekten bedeckt, die übrigen vier Sechstel werden von Marie als Schreibfläche frei gelassen. Zu sehen sind folgende Objekte von links oben nach rechts unten betrachtet, die mehr oder weniger im Randbereich des Tisches angeordnet sind. Knapp unterhalb der abgerundeten oberen linken Tischplattenecke steht eine transparente PET-Wasserflasche etc. pp.

StilllebenAußer der hellen weißen Tischfläche, die den Großteil des Formates füllt, gibt es sonst nur wenige weiße Passagen auf den unterschiedlichen Verpackungen (Papiertaschentücher, Brötchentüten, Arznei-Tropfen, „Knoppers“, Tintenkiller, Finelinerverpackung). Ein Hell-Dunkel-Kontrast findet sich noch in den beiden Textmarkern. Bedeutsame verschattete Partien gibt es kaum. Lediglich der große Schatten, den Kunststoffdose und Brötchentüte auf das kleine Plüschschweinchen werfen, lässt einen möglichen negativen Einfluss der Situation auf das Glück der Klausurschreiberin erahnen. Die Farbgestaltung wird von einem Kalt-Warm-Kontrast von Blautönen auf der einen und Rot- und Gelbtönen sowie deren Mischfarben auf der anderen Seite gebildet. Es gibt nur wenige organische Formen, nämlich die durch das manuelle Einpacken des Bachwerks verformten Tüten und das Plüschtier. So wird in erster Linie die Komposition durch eine geometrische Formensprache geprägt, wobei die Ecken einiger der viereckigen Formen abgerundet sind und es auch drei runde Formen gibt. Trotz der vielen Rundungen ist die Komposition der Formen nicht überwiegend harmonisch in ihrer Wirkung. In der Abiturklausur geht es ja auch vorwiegend um Analyse- und Reflexionsfähigkeiten, die durch Abstraktion gebildet werden und nicht natürlich vorkommen. Kompositorisch finden sich die größeren Formen eher auf der linken Tischhälfte, die kleineren auf der rechten.
Entsprechend der Lesrichtung unserer Kultur findet sich das Lebensnotwenige in diesem Werk links oben, nämlich das Wasser, das Leben und Denkfähigkeit schenkt. Doch bereits in der Folge erscheint bereits der erste Hinweis auf Bedrohliches. Ein Schnupfen scheint das Immunsystem und auch die Denkleistung der Klausurschreiberin zu bedrohen. Die hochwertigen Lebensmittel schließen sich an, die neben dem Wasser die Versorgung in den folgenden lebensentscheidenden Stunden sichern müssen Die großflächig angelegte Farbe Rot der Brötchentüten signalisiert dabei die heraufziehende Gefahrensituation, in der der Klausurschreiberin heiß und kalt werden wird (vgl. entsprechenden Farbkontrast). Der weiße Werbeaufdruck auf den Tüten verheißt allerdings auch die winkende Belohnung, die Flugreise, die auf die (bestandenen) Prüfungen folgen mag. Nun sieht man das Plüschschweinchen, das sich gleichsam wie ein Drehmoment durch Form, Farbe und klare Ausrichtung auf den Prüfling aus dem Arrangement heraushebt. Hier findet sich die spirituelle und letztlich alles entscheidende Dimension des Kunstwerks: Mentale Vorbereitung und hilfreiches Spiel der höheren Mächte entscheiden letztlich über den glücklichen Ausgang dieser Klausur. Und als wollte sich die Schreiberin allein darauf nicht verlassen, setzt sie auf den positiven Einfluss der Medizin, auch der alternativen, die Unterstützung und Rettung von Körper und Geist versprechen. Ebenfalls setzt sie auf einen möglicherweise notwendigen Zuckerstoß für das Gehirn. Doch auch die Betonung der eigenen Tatkraft kommt nicht zu kurz, denn 11 Schreibgeräte liegen in einer für eine Rechtshänderin optimal gewählten Griffposition bereit, nur darauf wartend, die guten Gedanken rasch aufs noch von schulischer Seite erwartete Papier zu bringen. Sollte dann doch noch etwas aus dem Lot geraten wollen, sind Radiergummi und Geodreieck die richtigen Helfer zur Fehlerbeseitigung und zum Strukturausgleich. Auch verweist die Pfeilrichtung des strukturgebenden Hilfsmittels in die Richtung der Vergangenheit, also auf die zurückliegende Klausurvorbereitung. So scheint im wahrsten Sinne des Wortes der Rahmen für einen positiven Ausgang dieser Abiturklausur und Vorwegnahme aller kalkulierbaren negativen Einflüsse durch optimale Vorbereitung auf allen Ebenen gegeben zu sein.

 

Stillleben2-Jan

Im Vergleich ziehe ich nun das Stillleben „Vor der Abiturklausur“ von Jan hinzu.
Die Fotografie zeigt das auf dem Tisch arrangierte Objekt von oben in der Aufsicht, wobei es dabei links oben willkürlich angeschnitten wurde. Etwa ein Fünfzehntel der Tischfläche ist mit einem Objekt bedeckt, die übrigen vierzehn Fünfzehntel werden von Jan als Schreibfläche frei gelassen. Zu sehen ist folgendes Objekt, das sich diagonal platziert in der linken unteren Ecke des Tischplattenformats befindet. Es ist nämlich eine geöffnete viereckige halbtransparente Brotdose mit abgerundeten Ecken aus Kunststoff, die derart geöffnet ist, dass der abgenommene weiße Deckel mit der Innenseite nach oben wie ein Unterteller unter der Dose liegt, in der sich eine mit einer runden Scheibe Kinderwurst belegte halbe Weißbrotscheibe befindet, die nicht mit Butter oder Margarine bestrichen worden ist.

Jans Stillleben zeigt eine extrem minimalistische Ausrichtung in jeglicher Hinsicht:

Es liegt eine Reduktion auf eine körperlich ausgerichtete Notfallreserve vor. Das einzige Hilfsmittel, das Jan zulässt, ist eine Reminiszenz an zurückliegende Kindertage (links), in denen es nur eine Option für ein ultimatives Grundschulbrot gab, das in Pausenzeiten nachlassender Körperkraft die Lebensgeister wieder zurückkehren lassen konnte. Diese magischen Kräfte der Energiezufuhr werden bereits durch den bloßen Anblick wieder geweckt, weshalb die Dose geöffnet ist. Darüber hinaus kann bei eventuell aufkommendem starkem Hungergefühl das Lebenselixier mit einem Griff zugeführt werden. Jans Maxime scheint zu lauten: „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“. Jegliche Anzeichen von Schwäche oder Krankheit, wie bei Marie die Papiertaschentücher oder die zahlreichen Möglichkeiten der Interventionen für ihren Körper, werden vermieden. Dieser Schüler verlässt sich in erster Linie zunächst einmal auf sich selbst und seine Materie. Dem Geist räumt er viel Platz auf der Schreibfläche ein.

Außer dem kleinen Schatten, den die Dose auf die Tischplatte wirft, gibt es in diesem Stillleben nur Licht, d.h. dass jeglicher möglicher Einfluss dunkler Mächte, die ein Gelingen der Klausur durchkreuzen könnten, im Keim erstickt wird, da er erst gar nicht als Möglichkeit gedacht wird.

Auch ist die Farbigkeit im Unterschied zum ersten Stillleben extrem zurückgenommen. Lediglich ein zartes Rosa wird erahnbar. Aber verweisen nicht sowohl Farbe als auch die entsprechende Materie – wenn auch in vom Menschen verwursteter Form – ähnlich wie bei Marie auf das Schwein als Glückssymbol in unserer abendländischen Kultur?

Bedeutsam ist auch die Formensprache in diesem Werk. Die runde Wurst- auf der fast quadratischen Brotscheibe in der nahezu quadratischen Plastikdose. Geht es nicht in mancher Abiturklausur auch um die Quadratur des Kreises? Zumindest aus Schülersicht? Und erscheint die Ewigkeit (Kreissymbol) als spirituelle Dimension in diesen Stunden der Klausur nicht wie eingepfercht in den starren Rahmen des Irdischen, des lediglich Flächenhaften, Zweidimensionalen, bestehend aus ‚Länge mal Breite‘?
Auch soll hier die christliche Symbolik des Brotes nicht unerwähnt bleiben. Wenn dieser Schüler nicht weiter weiß, setzt er möglicherweise auf Gebet und/oder Transformation.

Auch eröffnet die auf die Diagonale ausgerichtete Komposition eine aufsteigende Dynamik –weg von der Vergangenheit (links) in eine für alle Möglichkeiten offene Perspektive in der Zukunft (rechts) und verweist damit möglicherweise auf die persönlichen und beruflichen Perspektiven nach dem (bestandenen) Abitur.

Abschließend muss allerdings darauf verwiesen werden, dass Jan im Unterschied zu Marie doch entschieden mehr von außen erwartet – sei es von schulischer Seite oder von seinen MitschülerInnen, denn was auf der rechten Seite der Komposition zum Ausgleich des optischen Gleichgewichts als Pendant zur Brotdose unabdingbar fehlt, ist nicht nur das vom Lehrer erwartbare Schreibpapier, sondern das auf Funktionsfähigkeit überprüfte und mit Ersatz versehene Schreibgerät.

Bei allem Kunstverständnis: Das Abitur bestanden haben übrigens beide.