Lea in Brasilien

 

Brasilien

 Brasilien 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nun bin ich schon seit fast einem Monat in Brasilien und wie der Lauf der Dinge nun mal so ist, hat auch bei mir ein gewisser Prozess der Anpassung eingesetzt. Eine Anpassung, die so schleichend kam, dass es diesen Bericht brauchte, damit ich sie bemerkte. Denn auf die Frage: "Was schreib ich denen denn jetzt?" erwartet man als frisch Kulturgeschockte ja eigentlich tausend Antworten zu finden. Ja denkste! Inzwischen finde ich nämlich gar nichts Berichtenswertes mehr daran, dass ich hier 7 Tage die Woche 2 mal pro Tag Reis esse, 4 mal am Tag dusche, jedem Fremden nach einem fröhlich geschmetterten: "Oi, tudo bem?" knutschend am Hals hänge und auch kilometerlange Strecken nur noch in billig quietschenden Flip flops absolviere. Hab mich halt dran gewöhnt...


Nun muss ich aber ehrlicherweise gestehen, dass es eine Sache gibt, an der ich einfach immer noch anecke.
Brasilianer sind nämlich nicht nur unpünktlich, sondern vor allem grob unzuverlässig. Verabredungen und Termine sind hier nichts weiter als dekorativer Smalltalk und ein: "Klar, das machen wir so!". Klingt halt einfach viel besser als ein: "Wenn ich darauf morgen noch Bock hab, komm ich vielleicht".
Brasilianer verspäten sich nicht nur um Stunden, nein, sie verspäten sich um Tage, Wochen und Monate. Und dafür brauchen sie weder Erklärungen, noch Gründe oder gar so etwas Spießiges wie Terminabsagen.
Und auch ein schlechtes Gewissen sucht man vergeblich. Schon eher findet man pure Ungläubigkeit über die Tatsache, dass ich es persönlich als grob unhöflich empfinde, mir den Tag für jemanden frei zu halten, auf den man dann ab 8:00 Uhr morgens wartet, um gegen 21:00 Uhr irgendwann zu denken: "Tja, der kommt wohl nicht mehr....".
Und trotz des großen Nervfaktors, den dieses Verhalten für alle die sich -wie ich- an Absprachen halten mit sich bringt, ertappe ich mich bei der Frage, warum wir Deutschen denn eigentlich immer glauben alles zu MÜSSEN ? Müssen wir wirklich soviel wie wir denken, dass wir es tun?
Nun, wir sind der festen Überzeugung, dass wir pünktlich sein MÜSSEN , dass wir Verabredungen einhalten MÜSSEN, dass wir unser tägliches Arbeitspensum machen MÜSSEN, kurz um, dass wir all die Pflichten, die von außen an uns herangetragen werden auch erfüllen MÜSSEN. Wir fühlen uns schlicht verpflichtet. Tja, erste Erkenntnis meinerseits: Hier in Brasilien fühlen sich nur die wenigsten "verpflichtet" etwas zu tun. Brasilianer sehen zwar die Notwendigkeit bestimmte Dinge zu tun, auf die auch sie streckenweise keine Lust haben, wie z.B. zu arbeiten (um den Lebensunterhalt zu verdienen). Sie fühlen sich jedoch selten verpflichtet ( z.B. der Firma, den Kollegen, den Kunden, der Gesellschaft gegenüber) dies zu tun. Die Pässlichkeit des einzelnen steht hier eindeutig über jeglicher Verpflichtung. Und auch das ist eine Form von Freiheit. Ich habe hier zwar nicht die Freiheit, allein auf die Straße zu gehen, dafür kann ich Termine zu- und absagen wie es meiner aktuellen Stimmung und Situation halt gerade am zuträglichsten ist. Und das Beste?! Niemand ist mir böse! Niemand findet mich unzuverlässig, unhöflich, egoistisch oder fühlt sich zutiefst verletzt, sondern es ist hier halt einfach ... normal. Im Hinblick auf mein Leben in Deutschland denke ich inzwischen, dass ich nur halb soviel muss wie ich glaube. Und habe mir als Konsequenz fest vorgenommen, nach Brasilien jeden "ich muss jetzt noch..." Gedanken daraufhin zu überprüfen, ob ich das wirklich will, oder mich lediglich von außen dazu verpflichtet fühle und es in Wirklichkeit vielleicht gar nicht bin.
Nun steht nach einem Monat auch der erste Wechsel an. Noch drei Tage verweile ich in Sao Luis, dann heißt es: "Hallo Timbiras!". Auf die Zeit in Timbiras habe ich mich von Anfang an besonders gefreut, da ich viele mir vertraute Menschen wiedersehen werde und trotzdem -oder gerade weil ich mehrere Freunde dort habe - weiß ich, dass der Wechsel von Sao Luis eine große Umstellung bedeuten wird. ... Ich bin gespannt! ...Drückt mir die Daumen, dass der Fahrer, der mich nach Timbiras bringen soll, auch erscheint... er meinte zwar er kommt ganz bestimmt, aber das letzte Mal...
..Na ja ihr wisst ja jetzt, wie das hier ist! ;)
Beijos! Lea

Lea Wortmann, 30.06.2014

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok