Leas Bericht aus Brasilien

Lea

 

Sao Luis

Erste Eindrücke aus Brasilien

Mit dem angekündigten Blog hat es leider nicht geklappt, doch Lea Wortmann, unsere Brasilienpraktikantin aus der AHR 12d, wird uns in den nächsten Wochen durch einige Berichte auf dem Laufenden halten. Hier ist der erste, in dem Lea ihre bemerkenswerten ersten Eindrücke und Praktikumserfahrungen in Brasilien schildert:

 

"Wo soll ich anfangen?

Seit einer nerven-und kraftraubenden 32- Stunden- Reise von Münster nach Sao Luis im Nordosten Brasiliens  sind inzwischen genau zwei Wochen vergangen.

Zwei Wochen, in denen ich mir einen ersten Eindruck von Land und Leuten verschaffen und mich akklimatisieren konnte.

Mein erster Eindruck von Brasilien, als ich mit wackeligen Beinen das erste mal brasilianischen Boden betrat, war ganz dem Klischee entsprechend . Brasilien ist warm, für deutsche Verhältnisse zutiefst  unorganisiert und  die Uhren scheinen hier nicht nur schlappe fünf Stunden zurück,  sondern  vor allem auch deutlich langsamer zu laufen. Dafür schlägt die Herzlichkeit der Menschen hier alles, was man als Deutscher so gewohnt  ist . Mein Versuch,  die drei  Stunden, die ich in Fortaleza auf meinen Inlandsflug nach Sao Luis zu warten hatte, dafür zu nutzen mal für einen Augenblick in Ruhe die Augen zu schließen, scheiterte an drei brasilianischen Mitreisenden, die trotz meiner nur rudimentären Portugiesischkenntnisse hartnäckig mit mir smallltalkten,  mir ihre Kontaktdaten gaben (falls ich mal Probleme haben sollte…) und mich mit einer spontanen Umarmung  in Brasilien willkommen hießen.  Soviel Herzlichkeit und Freude wie diese drei Fremden mir entgegenbrachten, versprüht man in Deutschland ungefähr dann, wenn man in der Fremden neben sich die tot geglaubte beste Freundin wiedererkennt… Also im Prinzip eigentlich nie.

So weit  alles noch keine wirkliche Überraschung . Ich war durch etliche brasilianische Freunde, intensiven  Austausch mit Brasilienreisenden und nicht zuletzt durch meine ehemalige brasilianische Austauschschülerin ja ganz gut vorbereitet …und trotzdem , auch wenn dies keine Überraschung war, eine riesige Umstellung bedeutete es allemal.

Und dann hieß es erst mal ankommen.  Sich einfinden.  Sich überraschen lassen und immer wieder das Deutsche: “Aber macht man das nicht eigentlich ganz anders(..)?” und “Ihr könnt doch jetzt nicht allen Ernstes…?” - Denken über den Haufen zu werfen. Denn Eines lernt man hier sehr schnell: “Doch , man kann!”. Z.B. kann man sich ohne weiteres  mit 20 anderen Insassen in einen Van quetschen, der das Wort “Anschnallgurt” wahrscheinlich noch nie  gehört hat, bei Höchstgeschwindigkeit im Zickzack- Kurs (wegen der Schlaglöcher) über ungepflasterte Straßen heizen, während nebenbei die Tür auf und wieder zu rollt und  trotzdem lebend ankommen… Ja doch das kann man hier in Brasilien..,  (Zuhause hab ich schon ein mulmiges Gefühl, wenn es bei Nieselregen und Dämmerung über die Autobahn gehen soll…).

Momentan arbeite ich in einer Art Kinderheim.  Eine großartige  Aufgabe, die mich sehr erfüllt und wohl der einzige Grund ist,  warum ich das hier allgegenwärtige Leid ertragen kann.  Ich kann dieses Land nicht verändern, ich kann nicht einmal großartig helfen, aber ich kann meine Energie in ein sinnvolles Projekt investieren.  Ich kann etwas tun und muss nicht nur zusehen. “Brasilien”, das  suggeriert uns gerade jetzt momentan die Fußball-WM , ist ein Land voller Lebensfreude und Energie.  Das stimmt; …aber ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Lebensfreude das Produkt bzw. die Überlebensstrategie  eines Lebens ist, welches mit der großen Unsicherheit geführt wird, ob es noch ein Morgen oder ein Übermorgen gibt. Die Gefahr, die das ganz alltägliche Leben in diesem Land (zumindest hier im Nordosten) mit sich bringt, wird gerade von uns Europäern gern unterschätzt. Ich habe hier bereits am eigenen Leib erfahren, wie existenziell die Gefahr auch oder gerade für mich als Weiße ist und bin glücklich mit Deutschland eine so sichere Heimat zu haben.  Denn Sicherheit bedeutet Freiheit.  Dass der Verlust von Freiheit , wenn auch nur für 9 Wochen, ein so großes Problem für mich darstellen würde, hätte ich so nicht erwartet.  Alleine raus gehen? Zu gefährlich.  Einfach Fotos machen? Zu gefährlich. Mein Handy mit raus nehmen? Ein Unding. Auf der Straße einen Blick erwidern? Bloß nicht! Länger als bis 21:00 Uhr draußen bleiben? Bist du lebensmüde? 

Und trotz dieser Schwierigkeiten ist es ein wunderbares Land, welches gerade in seiner Vielfältigkeit und seinen so grundverschiedenen Gesichtern einzigartig ist. So bedeutet Brasilien eine große Umstellung und eine ebenso große Chance unvergessliche  Erfahrungen zu machen.

Ich bin gespannt und bereit mich überraschen zu lassen, was die nächsten Wochen bringen und werde es Euch wieder wissen lassen!

Sonnige Grüße aus Brasilien!

Lea"

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